24.05.2021 - Call for Papers / Participation
Fachinformationsdienst Darstellende Kunst

CALL FOR PAPERS: BAUSTELLE Brecht/Müller: "Wohnen in der leeren Mitte" | 02.-03.12.2021 | Literaturforum im Brecht-Haus Berlin | Deadline: 01.09.2021

BAUSTELLE Brecht/Müller: „Wohnen in der leeren Mitte“ Das Literaturforum im Brecht-Haus lädt in Zusammenarbeit mit der Internationalen BrechtGesellschaft (IBS) Wissenschaftler*innen (besonders Postgraduierte, Doktorand*innen und Postdoktorand*innen) aller Disziplinen dazu ein, ihre Arbeiten zu Bertolt Brecht und/oder Heiner Müller vorzustellen und zu diskutieren. Neben dem offenen Aufruf in der Tradition der BAUSTELLE Brecht werden diesmal bevorzugt Beiträge gesucht, die sich mit dem Themenkomplex des Wohnens bei Brecht und, in seiner Nachfolge, bei Müller beschäftigen. In den Blick genommen werden damit Fragen nach den Wohn- und Schreibstätten von Autor*innen in ihrer Beziehung zum literarischen Text, nach der literarischen Verhandlung der ‚Bewohnbarkeit’ der Erde, dem ‚Recht auf Wohnen‘, Exil und Migrationsdynamiken oder dem Wohnen als Lebenspraxis in einer sich wandelnden Stadt. Schließlich soll der metaphorischen und ästhetischen Dimension des Wohnens in Texten aller Gattungen nachgespürt werden. Der erste Aspekt liegt mit Perspektive auf das Brecht-Haus auf der Hand, einer der Wirkstätten des Schriftstellers: Wie wird das Wohnen zur Voraussetzung des Schreibens? Wie wirkt die Schreibstätte auf das Schreiben ein – bspw. auch an verschiedenen Orten im Exil, in Berlin und Buckow oder, im Fall Heiner Müllers, im 14. Stock eines Lichtenberger Plattenbaus? Welches Verhältnis besteht zwischen ‚Schreibszenen‘, Schreibprozessen und dem Wohnen? Welche Mechanismen des Bewahrens, aber auch der Mystifizierung gehen mit Orten des Schreibens einher? Wie wohnt der Text, wo wohnt das literarische Gedächtnis? Bertolt Brecht und Heiner Müller skizzieren das Wohnen in zahlreichen Texten und unterschiedlichen Kontexten. In Stücken, Prosa, Gedichten und Interviews wird ‚Wohnen‘ als vielschichtiger Topos gezeichnet, der als Zwischensphäre von Ästhetik, Lebenspraxis, Politik, Sozialgeschichte und Urbanistik funktioniert. Der historische Wandel, der mit dem Begriff verbunden ist, lässt sich dabei gerade aus der Konstellation Brecht-Müller ablesen. Während Brecht noch in einem Gedicht dazu aufruft: „Hilft, das Land zu bebauen, das wir verfallen ließen, und / Die wir verpesteten, die Städte / Bewohnbar zu machen“, heißt es einige Jahrzehnte später in der gleichen Stadt und deutlich pessimistischer von Müller: „Unsere ökologischen Probleme sind allenfalls durch Evakuierung auf andere Planeten zu lösen [...]. Alle können sie aber von der unbewohnbaren Erde nicht weg, und dann wird ausgewählt. Wer fährt mit?” Die Bewohnbarkeit der Erde und damit auch ihre Kehrseite, die potentielle Unbewohnbarkeit, rufen Überlegungen auf, die an die zeitgenössischen Perspektiven des Ecocriticisms ebenso anschließen wie an sozialpolitische Fragen nach der (Un-)Möglichkeit von Wohnen in der gentrifizierten Stadt. Die bei Müller formulierte Frage nach dem ‚Recht auf Wohnen‘ in der Zukunft – „Die Reaktion auf den Wirtschaftskrieg gegen das Wohnrecht ist der Krieg gegen die Wohnungslosen” – stellt Brecht dabei mit Akzent auf der Vergangenheit, wenn er wiederum die „alltäglich erscheinenden / Tausendfachen Vorgänge in verachteten Wohnungen / Unter den Vielzuvielen als historische Vorgänge“ untersucht. Die Wohnung wird hier zum Schauplatz politischer Kämpfe und makroökonomischer Prozesse erklärt, das Wohnen zur Lebenspraxis, deren Analyse einen überzeitlichen Dialog freilegt, der historische Entwicklungen und gesellschaftliche Utopien vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart umspannt. Neben der offenen Auseinandersetzung mit dem Wohnen zwischen Stadt, Land und Weltall, entfalten die Texte Brechts wie Müllers die metaphorische Dimension des Wohnens. So begeben sich beispielsweise die dramatischen Texte Müllers immer wieder auf die Suche nach letzten Alternativen zum Wohnen in feindlichem Terrain, zum Beispiel wenn die Migrantin Medea sich – angesichts der drohenden Vertreibung – ihren eigenen Raum erschafft, indem sie die Welt in Stücke brechen will, „und wohnen in der leeren Mitte”. Oder Hamlet einen potentiellen Wohnort nur noch in den Ruinen seines eigenen Körpers vermuten kann. Die Frage nach der Möglichkeit von Rückzug an einen bewohnbaren Ort lässt nicht nur die Bruchliniendes Texts, sondern auch jene der Macht zutage treten. Dabei kann eine weitere Dimension des Wohnens in der Relation von Zentrum und Peripherie ausgemacht werden, in der (Un-)Möglichkeit des Reisens, der Rückkehr, des Exils, ihren Modalitäten und zugrunde liegenden Machtstrukturen. Die Vermessung von literarischen Räumen aber auch der Raum als literarische oder dezidiert dramatische Kategorie lenken erneut den Blick auf das Wohnen und seine Potentiale. Mögliche Themenfelder sind, beschränken sich aber nicht auf: > Wohnstätten und Schreibszenen bei Brecht und Müller > Wohnen als literarische und dramatische Reflexionsfigur > Verhandlung und Erschaffung bewohnbarer Räume in Texten und auf dem Theater > Literarische Auseinandersetzungen mit sozialpolitischen Fragen von Gentrifizierung bis Umweltverschmutzung > Stadttexte und Textarchitekturen > Exil, Migrationsbewegungen oder Reisen und ihre Beziehung zum Schreiben > Verhältnisse zwischen Peripherie und Zentrum > Berlin als umkämpfte Stadt im historischen Wandel Vom 2. bis 3. Dezember 2021 wird die BAUSTELLE Brecht / Müller im Literaturforum im Brecht-Haus Berlin stattfinden. Beiträge – auf Deutsch oder Englisch – sollen 20 Minuten lang sein, willkommen sind zudem Materialpräsentation, die ihren work-in-progress-Charakter offenlegen und Fragen für die gemeinsame Diskussion entwickeln. Die BAUSTELLE ist als Präsenzveranstaltung geplant, u. a. sieht das Programm eine Führung durch das Brecht-Haus vor. Um den Raum auch für Wissenschaftler*innen zu öffnen, die – z. B. pandemiebedingt – nicht anreisen können, gibt es zudem die Möglichkeit der virtuellen Teilnahme. Die anteilige Übernahme von Reise- und Unterbringungskosten in Form von einer Pauschalvergütung ist geplant. Eine Publikation ausgewählter Beiträge im Brecht Yearbook ist vorgesehen. Themenvorschläge von max. 350 Wörtern sowie eine biografische Notiz werden erbeten bis zum 01. September an baustelle@lfbrecht.de. Organisation: Sophie König (FU Berlin), Marten Weise (GU Frankfurt a.M.), Noah Willumsen (HU Berlin) und Christian Hippe, Literaturforum im Brecht-Haus.


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